Mahnwache des Pfarrnetzwerks ASYL gegen Abschiebungen ins Ungewisse - Ansprache von Pater Franz Helm SVD

Bei einer Kundgebung am 17. 3. in Mödling sagte der evangelische Pfarrer Markus Lintner: „Ich bin ein Niemand!“ Er bezog sich auf die Entscheidung der Bundesregierung, den Karfreitag – den höchsten Festtag im evangelischen Kirchenjahr - als Feiertag zu streichen. Bundeskanzler Sebastian Kurz meinte damals: „96% der Bevölkerung betrifft es nicht!“ Da war klar: Eine Minderheit zählt nicht. Wie viele sind wir? Kein Promille der österreichischen Bevölkerung!  Zählen wir? Zählt unsere Stimme? Unsere Zusammenkunft? Für Gott zählt jeder Mensch. Nach christlichem Glauben ist er Mensch geworden, einer von uns. So drückt Gott aus: Jeder einzelne Mensch zählt für mich! Besonders gilt diese Zusage den Armen, Benachteiligten und Ausgegrenzten, den Vergessenen. Denen, die „ein Niemand sind“.

 

Wir haben uns hier am Platz der Menschenrechte unter dem Motto: „Keine Abschiebungen ins Ungewisse“ zu einer Mahnwache versammelt. Wir gedenken jener Menschen, die abgeschoben wurden in Länder wie Syrien, Irak, Afghanistan. Allein 2018 wurden laut Asylkoordination 190 Abschiebungen nach Afghanistan durchgeführt! Für viele sind diese Menschen ein Niemand. In unserer Gesellschaft greift Teilnahmslosigkeit um sich, eine Abstumpfung gegenüber dem Leid der anderen. Die unselige Prophezeiung von Sebastian Kurz erfüllt sich. Ja, es gibt schreckliche Bilder!

 

Und was noch schlimmer ist: Die Bevölkerung unseres Landes gewöhnt sich daran. An Bilder von Familien, die auseinander gerissen werden, Eltern von Kindern getrennt. An Polizeikommandos, die um 5 Uhr in der Früh Menschen aus dem Bett reißen, um sie in Schubhaft zu nehmen. An Selbstmorde von Menschen, die in Panik verfallen wegen drohender Abschiebungen und lieber in den Tod gehen als ins Ungewisse. Das sind keine Bilder. Es ist schlimme unmenschliche Realität, mitten unter uns. Für viele von uns sind diese Menschen kein „Niemand“. Wir kennen sie mit Namen, sie waren unsere Nachbarn, wir haben mit ihnen gelacht und geweint, sie sind unsere Freunde und Freundinnen geworden. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass sie Deutsch lernen. Dass sie Behördenwege erledigen können. Dass sich in Österreich eine Existenz aufbauen können. Für uns zählen diese Menschen. Nun wurden sie uns entrissen. Oder wir fürchten, dass sie uns entrissen werden. 

 

Der Einsatz für geflüchtete Menschen und ihre Integration zählt anscheinend nichts mehr in unserem Land. Eine unmenschliche Politik wird auf dem Rücken dieser Menschen ausgetragen. Ihre Würde wird mit Füßen getreten. Sie werden als Schmarotzer dargestellt. Angehörige mancher Nationen werden generell verdächtigt, gefährlich zu sein. Wegsperren und dann abschieben, das wird immer mehr die Politik unserer derzeitigen Regierung gegenüber asylsuchenden Menschen. Statt im „Erstaufnahmezentrum“ kommen sie neuerdings im „Ausreisezentrum“ an. Diese Unmenschlichkeit ist kaum auszuhalten, und noch unerträglicher ist, dass sie anscheinend mittlerweile mehrheitsfähig ist in der österreichischen Bevölkerung.

 

Dem halten wir aus christlicher Glaubensüberzeugung entgegen: Diese Menschen sind geschaffen mit einer Würde und mit Rechten, wie wir. Mit uns sind sie Menschen, sind sie Gottes Ebenbild. Ja, in den Fremden und Obdachlosen begegnet uns Jesus selbst, und wir wissen um die Frage, die uns am Ende unseres Lebens erwartet und die darüber entscheidet, ob wir Gemeinschaft mit Gott haben: „Hast du mich aufgenommen, als ich fremd und obdachlos zu dir kam?“ Hast du aufgeschrien gegen die menschen-verachtende Asylpolitik, die sich in deinem Land breit gemacht hat?

 

Um diesen Aufschrei auszudrücken, sind wir hier. Um unseren Protest öffentlich zu machen gegen Abschiebungen ins Ungewisse. Um Leidenswege geflüchteter Menschen öffentlich zu machen und sie zu bedenken. Das tun wir im Blick auf den Leidensweg Jesu, im Blick auf seinen Kreuzweg. Und wir tun es im Glauben, dass nicht Leid und Kreuz und Tod das letzte Wort haben, sondern Auferstehung und Leben. Wir tun es mit dem längeren Atem von Menschen, deren Hoffnung über das Heute hinaus reicht bis in die Ewigkeit. Denn das ist unser christlicher Glaube, und der gibt uns die Kraft zum Widerstand und zum solidarischen Handeln.